Seit Urzeiten macht sich der Mensch die Stiggel zunutze. Seine Domestizierung begann vermutlich bereits, als frühe Kulturen Palisaden zum Einhegen von Vieh errichteten.
Noch beginnt jedes Jahr in der Lagune von Venedig die große Stiggelzähmung. Besonders prächtige Exemplare werden mit dem Lasso eingefangen, an Ort und Stelle fixiert, wo sie sich mit der Zeit an ihr stationäres Dasein gewöhnen können. Das bei anderen Spezies übliche Markieren mit Brandzeichen ist hier jedoch unüblich.
In der modernen Welt ist das Bewusstsein für die Welt der Stiggel nahezu verschwunden. Das war im Mittelalter noch vollkommen anders. Die Stiggel wurden als wichtige Helfer der Menschen mit fast religiöser Verehrung bedacht. Diese bezog sich sowohl auf die Stiggel allgemein, aber besonders auf die Anbetung des persönlichen Schutzstiggels, dessen bildliche Darstellung im Haus aufbewahrt und dort regelmäßig angebetet wurde.
Ein gut erhaltenes Zeugnis dieses Kults ist diese Stiggelgruppe der kaiserlichen Familie .
Auch in der Kultur und den religiösen Vorstellungen anderer Kulturen spielen die Stiggel eine wichtige Rolle, so z.B. bei den indigenen Völkern im Westen Nordamerikas.
Auch in anderen Teilen der Welt, z.B. im Kongo oder bei den Asmat in Papua-Neuguinea werden geachtete Verstorbene mit einem Ahnenpfahl geehrt.
Stets sind die Stiggel ein Ort der Erinnerung und der Verehrung.
Hierbei handelt es sich um eine Sonderform des sticulus artisticus bzw. des sticulus religiosus - die Grenze zwischen den Unterarten ist in diesem Fall fließend.
Diese Exemplare sind äußerst hitzeempfindlich und daher in unseren Breiten vornehmlich in der kalten Jahreszeit anzutreffen. Weshalb sie aber nach dem Jahreswechsel nahezu verschwinden und vor allem wohin sie das tun, ist noch Gegenstand intensiver Forschung.
Auch in unserer unmittelbaren Nähe können wir ein Beispiel für die spirituelle Bedeutung der Stiggel finden. Die "Stickelgräber" in dem kleinen Ort Schlierbach dürften im Odenwald einmalig sein.
Calvinistische Immigranten aus der Schweiz, die sich nach dem 30-jährigen Krieg in den durch Krieg und Pest entvölkerten Odenwaldtälern niederließen, brachten diesen Brauch aus ihrer Heimat mit. Statt mit einem klobigen Grabstein gedenkt man den Verstorbenen mit einem blumenverzierten Stickel.
Das Zusammenleben mit Menschen ist für die Stiggel oft, aber nicht immer von Vorteil, besonders dann, wenn sie mit widersprüchlichen Botschaften konfrontiert werden. (Double bind)
Nicht selten entstehen daraus psychische Probleme und persönliche Krisen. Trotz ihrer ortsfesten Lebensweise verlieren sie bisweilen die Orientierung, wenn sie als Wanderstiggel (sticulus pedestris) misbraucht werden. Fragen wie „Wo stehe ich und wo will ich hin?“ können bei sensiblen Exemplaren bis zu Erkrankungen des schizophrenen Formenkreises führen.